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          Namibia: 3000 Kilometer durch die Wüste

          Wie schon 2016 flüchten wir im Winter nach Kapstadt, ab in die Sonne, weit weg vom Gefühl von Weihnachten und Winter. Höhepunkt der drei Monate in Afrika ist der Abstecher ins Nachbarland Namibia. 10 Tage Weihnachtsurlaub in der Wüste. Dies sind unsere Tagebucheinträge, geschrieben von Hannes.

           

          Strafzettel zu Weihnachten

          Auf nach Namibia heißt es heute für uns. 11:30 Uhr wird der Flieger nach Windhoek abheben. Ein Blick auf die Uhr. Es läuft wie geschmiert. Das Leben aus dem Koffer nimmt seine Fortsetzung, endlich geht es mal wieder auf einen Road Trip. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschieden wir uns von Marco, Alex und der lieben Roo. Welch wunderbare Begegnung. So spontan und zufällig. Nur durch die Absage eines anderen Paares war das Zimmer in Anikas Villa frei. Um kurz nach 9 Uhr stehen wir vor der Villa und warten auf das Taxi zum Flughafen. Ich bestellte eins für sechs Personen, damit unsere Koffer genug Platz haben. Ich habe schließlich aus den vergangenen Fahrten gelernt. Eine halbe Stunde später erreichen wir unser Ziel.

          Ein Bye Bye Cape Town Bild aus dem Flugzeug sorgt für Verwirrung in den sozialen Medien. Natürlich brechen wir unsere Zelte hier nicht ab. Wir kommen schon bald wieder. Die Vorfreude sorgt für ein wohliges Kribbeln im Bauch. Während Farina die unendlichen weiten Landschaften unter uns bestaunt, nicke ich für eine Weile ein. Ein ‚Hello. What do you want to drink‘ weckt mich auf. Die lieben Flugbegleiterinnen reichen uns den Tomatensaft und das Mittag. Eine gute Grundlage für die anstehende Achterbahnfahrt oder auch Landeanflug genannt. Für einen kurzen Moment fühle ich die Schwerelosigkeit als wir den Höhepunkt der Turbulenzen erreichen. Ich verspreche Farina, dass wir im kommenden Jahr endlich mal in den Heide Park bei Soltau fahren. Die Landung verläuft sicher, wir fahren vor das winzige Flughafengebäude und laufen über das Rollfeld. In Windhoek angekommen, steht unser Gepäck schon neben dem Gepäckförderband bereit. Welch ein Service nach dem wir eben noch ganz altmodisch handschriftlich einen Zettel zur Anreise ausfüllen dürfen.

          Es kann losgehen. Auf dem Weg zum Hertz Schalter kümmern wir uns fix um zwei SIM-Karten, um auch unterwegs online erreichbar sein zu können. Wir sind gespannt, inwiefern wir Empfang haben. Der junge Verkäufer mit smartem Lächeln schenkt uns zu Weihnachten weitere Gigabytes nach dem wir ihm erzählen, dass wir Fotografen sind und wahrscheinlich mehr Volumen brauchen. Guter Mann. Wir werden ihn guter Erinnerung behalten. Er notiert sich sogar unseren Instagram Account @misterandmissesdo. Mit einem Lächeln verabschieden wir uns und gehen hinüber zum gelb leuchtenden Hertz Schalter. Schnell Zettel ausfüllen, Kürzel hier und da plus die Zusatzversicherung für Reifen und Scheiben. Die Zeit rennt. Die zusätzlichen 100 € nehmen wir zähneknirschend hin. Vom Schalter zum Parkplatz der Fahrzeuge sind es nur wenige Meter. Ich schicke derweil Gebete an das Universum, damit gleich ein Wagen mit Automatik vor mir steht. Obwohl ich mich sogar dazu bereit erklärt habe, mich dem Stressfaktor Manuelles Getriebe hingeben zu wollen, purzeln mir unendlich viele Steine vom Herzen als ich in den Innenraum des Wagens schaue, während wir auf den viel beschäftigten und einzigen Mitarbeiter warten. Ich drehe mich freudestrahlend zu Farina. Das muss er sein, sage ich zu ihr. Bitte Bitte! Ich sende alle guten Wünsche zum Universum. Als eine Gruppe Italiener nach unendlich langer Zeit den Mann frei gibt, schreitet er in seinem gelben leicht durchgeschwitzten Hemd auf mich zu und überreicht mir den Schlüssel zum weißen Toyota Hillux 4×4. Ich könnte ihm um den Hals fallen, so groß ist meine Erleichterung.

          Ich steige ein und entdecke die modernste Technik. Ein Tempomat ist ebenfalls dabei. Hurra. Bis wir losfahren, vergeht noch eine ganze Weile. Unser Zeitplan gerät vollends außer Kontrolle. 6,5 h Fahrt liegen noch vor uns. Es ist 15.30 Uhr als wir letztendlich loskommen. Gekonnt manövrieren wir uns aus Windhoek heraus. 700 km auf der einzigen geteerten Straße Richtung Süden liegen zwischen uns und unserem Ziel. Die Nacht wollen wir auf der Savanna Guest Farm bei Grünau verbringen. Der Fish River Canyon ist unser Ziel auf der ersten Etappe durch Namibia. Ein zu dem Zeitpunkt aussichtsloses Unterfangen, das nur mit gutem Willen und ohne Zwischenfälle zum Erfolg führen wird. Die ersten zweihundert Kilometer kommen wir geschmeidig voran, am Straßenrand begrüßen uns Affen, Kühe und sogar ein Warzenschwein. Schau mal Pumba, sagen wir fast gleichzeitig. Mit dem Ohrwurm Hakuna Matata aus dem Film „König der Löwen“ im Kopf, brausen wir weiter bis zur Ortschaft Kalkrand. Ein verschlafener Durchfahrtsort mit einer Tankstelle, der immerhin eine Erwähnung auf den wenigen Straßenschildern findet.

          Wir halten an, um Wasser zu besorgen. Trotz Klimaanlage merken wir den Unterschied zum südafrikanischen Küstenklima. Hier steht die Luft. 35 Grad vermeldet der Bordcomputer des Autos. Ich steige aus und lasse Farina in unserem Schlachtschiff zurück. Ein lautes Biep und sie ist eingeschlossen. Nur wenige Sekunden später bin ich von einer Meute kleiner Kinder umringt. Unsicherheit steigt in mir auf. Wie soll ich mich verhalten? Ich bemerke die Schweißperlen auf meiner Stirn. „Hallo Sir“ dringt es an mein Ohr, die Kids begleiten mich in den Laden neben der Tankstelle. Ich will doch nur Wasser kaufen, sage ich. Gerade als ich meine Bestellungen abgeben will, höre ich ein lautes Piepen. Eine Alarmanlage schrillt. Unser Auto? Ich renne raus und sehe Farina im Mittelpunkt des Geschehens. Unweigerlich sind alle Augen auf uns gerichtet. Ich erlöse sie mit einem Druck auf den Schlüssel und frage was los ist. Wieder schließe ich sie ein und der Lärm beginnt von Neuem. Erst jetzt kapieren wir, was los ist. Sie muss sich selber einsperren. Ich überlasse ihr in den Schlüssel, warte im gespenstisch dunklen Laden auf meine zwei Wasserflaschen, die mir durch ein Gitter gereicht werden. Der gesamte Verkaufsbereich ist abgezäunt. Was für eine Show. Die bislang tatenlos rumsitzenden Erwachsenen zerren die Kinder von meiner Seite. Mit zügigem Schritt verlasse ich diese Höhle und bin heilfroh als wir wieder auf der Straße fahren. Willkommen in Afrika, meldet sich eine Stimme in meinem Kopf.

          Um die verlorenen Minuten aufzuholen, drücke ich das Gaspedal durch. 120 km/h sind erlaubt. Die langgezogene Straße ist frei. Mit zwischen 150 und 160 km/h brettern wir über den Asphalt. Unsere Ankunftszeit hat sich weit nach hinten verschoben. Im Hellen kommen wir nicht mehr an. Wir passieren eine Kuppe und sehen in der Ferne einen hektisch winkenden Mann auf die Straße laufen. Oh mein Gott, was will der jetzt von uns. Schnell weg hier. Unser Gepäck steht zwischen uns und der hochgeklappten Rückbank. Wir haben keinen Platz mehr im Auto. Hektisch wechselnde Gedanken kreisen durch den Kopf. Erst als wir vorbeifahren wird uns bewusst, was der Mann im hellblauen Hemd von uns will. In einer dieser typischen Haltebuchten mit schattenspendendem Baum hat sich eine Polizeistreife aufgebaut. Einige hundert Meter weiter kommen wir am Straßenrand zum Stehen. Wir schauen uns tief in die Augen, blicken zurück. Im Rückspiegel passiert nichts. Kommt da wer? Eventuell wollte er uns auch nur warnen, wir sollen doch gefälligst langsamer fahren. Puh. Was nun? Farina fragt mich, ob ich weiß, wie schnell ich gefahren bin. Keine Ahnung. Wir entscheiden uns weiter zu fahren. Bei 120 km/h logge ich in den Tempomat ein. Bloß weg hier, nur jetzt im Rahmen der erlaubten Höchstgeschwindigkeit. Ich spüre den Kloß im Hals. Fragen über Fragen in meinem Kopf. Was passiert nun? Werden wir irgendwo abgefangen? Wie hoch ist die Strafe wohl in Namibia für Verkehrssünder? In dem Fall sogar vor der Polizei flüchtend.

          Die Antwort auf meine Fragen erhalten wir, als ich im Rückspiegel ein Polizeiauto erspähe. Och nö! Verdammt. Ein Wust aus Schimpfwörtern meldet sich in meinem Kopf. Cool bleiben Hannes. Farina schaut mich an. Oh je. Der Wagen überholt uns, bremst uns aus und lenkt uns auf einen Rastplatz. Ein erster Beamter steigt aus, er schaut grimmig drein. Der zweite mit einem Messgerät bewaffnet, nähert sich langsam unserem Auto. Neutraler Geschichtsausdruck. Wir erwarten nichts weiter als einen vor Wut schnaubenden Polizisten. Ich betätige den elektrischen Fensterheber und erwarte eine Standpauke. Mit fester Stimme erläutert er mir, dass ich 154 km/h gefahren bin. Also viel zu schnell. Erschrocken schaue ich auf sein Display. Er fordert mich auf auszusteigen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich uns schon in einem namibischen Gefängnis die Nacht verbringen. Ich stelle mich absichtlich doof und gebe zu verstehen, dass ich von der Geschwindigkeitsbegrenzung von 120 km/h nichts wisse. Schließlich bin ich erst seit 2 Stunden auf den Straßen unterwegs. Auf der Kofferraumklappe füllt er gewissenhaft ein Formular aus und kramt an der entscheidenden Stelle ein großes Buch aus dem Auto. Hier sind überschrittenen Kilometer pro Stunde und das dazugehörige Bußgeld aufgelistet. Welch ein Glück, ich atme auf. Wir brauchen nicht in den Knast.

          Später im Auto berichte ich Farina von dem Gespräch zwischen mir und dem Officer. Er ist wohl der Zauber von Weihnachten, der ihn dazu veranlasst hat die Strafe zu mildern. Sein Finger wandert von 150 – 156 km/h auf 130 km/h. Statt den gelisteten 2500 Namibischen Dollar, ich rechne kurz im Kopf und komme auf ca. 170 €, brauchen wir nur 1000 Dollar zu zahlen. Schwein gehabt. Da wir nicht an Ort und Stelle bezahlen dürfen, werden wir zur Polizeistation in das 20 Minuten entfernte Mariental geleitet Wir werden schon erwartet. Farina drückt mir 1000 Rand in die Hand, der Umrechnungskurs ist glücklicherweise der gleiche wie in Südafrika, neben dem Dollar wird auch der Rand als Zahlungsmittel akzeptiert. Es ist mittlerweile 7 Uhr abends als wir von der Bundesstraße 1 in die ausgestorbene Stadt abbiegen. In einer Seitenstraße stehen im nächsten Augenblick dutzende Menschen, es erinnert uns an Walking Dead. Weitere 15 Minuten ziehen ins Land, bevor ich mit meiner Quittung in der Tasche und einem Lächeln zum Wagen zurückkehre.

          Mein mittlerweile mir wohl gesonnenen Polizistenfreund hat mir übrigens geraten heute nicht mehr bis nach Grünau zu fahren, als ihn frage, wie sicher es sei nachts auf den Straßen zu fahren. Er berichtet von zahlreichen Wildunfällen und empfiehlt eine Lodge in der Nähe. Wir folgen seinem Rat und fragen bei der Unterkunft nach einem Bett. Wie zu erwarten, ist nichts mehr frei. Auch bei der nächsten Stelle haben wir kein Glück bzw. kommen erst gar nicht durch das Eingangstor. Die Uhr steht mittlerweile schon bei 19.30 Uhr, die Sonne verabschiedet sich mit einem Farbenfeuerwerk und wir stehen ohne Schlafmöglichkeit da. Was für ein Start. Immerhin funktioniert hier im Nirgendwo das Internet. Wir haben vollen Empfang und suchen die erstbeste Gelegenheit bei booking.com raus. In der Lapa Lange Lodge, etwa 30 Kilometer entfernt, ist noch was frei. Farina ruft an und ergattert uns ein Zimmer. Sie klingt wahnsinnig verzweifelt am Telefon als ihr mitgeteilt wird, dass heute Abend kein Zimmer mehr vergeben wird. Es sei schon spät und das einzig verfügbare Chalet ist nicht vorbereitet. Nach einigen herzerweichenden Argumenten erhalten wir ein besonderes Angebot. Wir bekommen tatsächlich das Chalet für den Preis eines anderen Zimmers. Hurra! Ich starte den Motor, im Dunkeln fahren wir los. Die Straße nach Westen endet abrupt in einem Schotterweg. Wir hoppeln über die sandige Piste. Eine halbe Stunde später stehen wir vor der Empfangsdame. Sie heißt uns Herzlich Willkommen, zeigt uns das Zimmer und hat sogar noch ein Abendessen für uns organisiert. Wow. Wir sind ihr so unendlich dankbar und schlafen gegen 22.30 Uhr ein. Am Wasserloch vor unserem Fenster nehmen wir nur schemenhaft ein paar Tiere wahr. Wir stellen schon jetzt fest, dass unsere Kamera Ausrüstung nicht gerade safaritauglich ist.

          Wohlfühloase Alte Kalköfen Lodge

          Ein neuer Tag in Namibia, die erste Nacht liegt hinter uns. Wir nehmen uns für heute vor, erstmal die Abenteuerbremse zu drücken. Eine Unterkunft für heute Nacht haben wir nicht. Die Verbindung zur Außenwelt ist nicht stabil bzw. gar nicht erst vorhanden. Einstimmiger Tenor: Wir finden schon was. Nach einem ordentlichen Frühstück in der Lodge zieht es uns zurück auf die Hauptstraße weiter Richtung Süden. Wir tanken in Mariental, Farina holt unter Bewachung des Sicherheitsdienstes Geld ab. Unser nächstes Ziel ist das 230 km entfernte Keetmanshoop, die Hauptstadt des Südens. Mit den erlaubten 120 km/h kommen wir gut voran. Nach nur 2 Stunden parken wir unser Auto in der Stadtmitte. Wir sind zurück in der Zivilisation. Knapp 19.000 Menschen leben in der Stadt. Anscheinend sind viele ausgeflogen. Im Touristenzentrum finden wir zunächst Zuflucht. Irgendwie liegt ein mulmiges Gefühl in der Luft. Bestätigt wird dies von der Bedienung im Café, die uns unvermittelt rät unser Auto doch im Hof abzustellen. Draußen sei es nicht sicher, so ihre Aussage. Immerhin erreicht sie damit, dass wir auch etwas zu Essen und zu Trinken bestellen. Wirksames Marketing jedenfalls.

          Wir nutzen die Gelegenheit und decken uns mit ganz viel Wasser ein. Bis jetzt wissen wir immer noch nicht, wo wir die kommenden Tage schlafen werden. In der Mittagssonne suchen wir schattiges Plätzchen, es brennt auf der Haut. Mit dem Smartphone in der Hand durchforsten wir die einschlägigen Reiseanbieter für Unterkünfte. Bei der Alten Kalköfenlodge buchen wir zwei Nächte über booking.com. Damit sind wir auf der sicheren Seite und haben zumindest einen Tag der Suche aufgeschoben. Von dort sind wir flexibel genug um den Fish River Canyon zu erkunden. Der Weg führt uns durch eine spektakulär schöne Landschaft. Die Straße nach Lüderitz schlängelt sich durch die Ausläufer des Canyon, wir überqueren den ausgetrockneten Fish River und schießen das eine oder andere Foto. Hallo du schöne unberührte Natur. Fehlen nur noch Winnetou und Old Shatterhand, die durch die Steppe reiten. Zwei Kilometer vor der Lodge passieren wir ein Tor. Auf der rechten Seite ragt einer der alten Kalköfen empor. Am Eingang steht eine alte Tankstelle. Fotomotive wohin wir nur schauen. Schön, dass wir gleich zwei Tage hier bleiben.

          Wir bekommen Haus Nummer 5 als wir kurz danach das etwas ahnungslose Personal antreffen. Die Besitzer sind momentan nicht da, heißt es. Das ich zunächst in das falsche Bungalow trete und dabei die auf dem Bett liegende Nachbarin aufwecke, ist mir total unangenehm. Mir entfährt nur ein leises Sorry. Ich schlage die Tür schnell wieder zu. Die Häuser tragen die Namen lebender Steine, beim Zählen bin ich etwas durcheinander gekommen. Also neuer Anlauf. Wir betreten ein lichtdurchflutetes und hell eingerichtetes Zimmer mit Innen- und Außendusche. Vom Bett aus blicken wir in die Wildnis.  Richtig schön. Wir laden die Koffer aus und springen im Anschluss in den riesigen Pool. Ein warmer Wind weht, wir ziehen ein paar Runden und genießen die Ruhe. Auf dem Rückweg treffen wir Mario, den Vertreter der beiden eigentlichen Gastgeber. Wir plaudern ein wenig und melden uns zum Abendessen an. Tatsächlich gerade noch rechtzeitig, um unseren Wunsch nach vegetarischem Essen zu hinterlassen. Bis zum Essen um halb 8 erkunden wir das Gelände. Es gibt viel zu sehen. Wir beobachten ein Erdmännchen, dass über den ausgedörrten Wüstenboden rast. Schlagartig werde ich an das Buch ‚Hummeldumm‘ erinnert, dessen Cover ein Erdmännchen ziert. Wir schlendern weiter herum, schauen uns den Ofen an und fotografieren uns gegenseitig im untergehenden Sonnenlicht. Ein herrlich entspannter Tag, der in einem himmlischen Essen endet.

          Nur wenige Gäste haben sich heute in die Wildnis zwischen Seeheim und Goageb verirrt. Die Sonne taucht den Speisesaal in oranges Licht als wir mit der Vorspeise durch sind. Auf die kleine Spinat Quiche folgt ein griechischer Salat. Zur Feier des Tages gönnen wir uns Sprudelwasser. Der Hauptgang wird uns auf einem großen Tablett serviert. Statt Fleisch bekommen wir ein Linsencurry und allerhand anderer Leckereien. Den krönenden Abschluss bildet ein Stückchen Apfelkuchen mit selbst hergestellten Vanilleeis. Hmmm. Ein wahrer Gaumenschmaus. Glücklich und zufrieden schlurfen wir Richtung Bett. Bevor wir schlafen gehen, setzen wir uns auf die Terrasse und blicken in den Himmel. Eine sternenklare Nacht. Kein Licht trübt die Sicht. Selten einen so wundervollen Sternenhimmel gesehen. Ab und zu huscht eine Sternschnuppe vorbei. Farina erklärt mir auf dem Rücken liegend die Sternbilder.

          Zebrastreifen am zweitgrößten Canyon der Welt

          Ist das ein entzückendes Gefühl am Morgen zu wissen, wo wir am Abend schlafen werden. Um halb 6 wache ich auf, öffne die Türen zur Wüste und betrachte mit dem Gefühl unendlicher Glückseligkeit den wunderschönen Sonnenaufgang. Ein Blick nach rechts verrät mir, dass ich nicht der einzige bin, der so früh wach ist. In den zwei Häusern neben uns sitzen ebenfalls Männer mit ihren Kameras auf der Terrasse. Als eine halbe Stunde später die Sonne den Scheitelpunkt des Berges erreicht, kuschele ich mich an Farina. Ein bisschen müde bin ich dann doch noch. Bevor wir zum Fish River Canyon aufbrechen, genehmigen wir uns noch ein ausführliches Frühstück nach der Dusche unter freiem Himmel. Wir Glückspilze. Wie nach dem hervorragenden Abendessen nicht anders zu erwarten, werden wir auch am Morgen verwöhnt. Frisches Obst, Müsli und eine leckeres Omelett.

          Gestärkt starten wir in den letzten Mittwoch im Jahr 2016. Wir folgen den Schildern zum Canyon. Die Fish River Lodge ist unser erstes Etappenziel. Knapp 100 Kilometer haben wir noch zu bewältigen, als wir auf eine unebene Straße abbiegen. Zum Glück erlaubt uns der Toyota eine hohe Geschwindigkeit trotz der widrigen Straßenverhältnisse. Im Radio läuft das Hörspiel zum Film ‚ Der König der Löwen‘. Wir kommen recht zügig voran, an manchen Stellen halten wir natürlich für ein Erinnerungsbild. Rechts und links sehen wir trockene Landschaften an deren Horizont sich Berge abzeichnen. Manche haben eine so hübsche Form, einige sind oben so glatt wie der Tafelberg. Da wir ohne große Vorbereitung losgezogen sind, ahnen wir nicht, auf was für einen abenteuerlichen Weg wir uns einlassen, als die letzten 19 Kilometer anbrechen. Über Stock und Stein ruckeln wir die Kiste. Der Weg erlaubt nur ein Auto in der Spur. Wir hoffen inständig, dass uns niemand entgegen kommen wird, während wir uns dem Canyon nähern. Die Felsformationen am Streckenrand erinnern uns an das amerikanische Pendant im Norden des Bundesstaates Arizona. Nach über einer Stunde endet die Achterbahnfahrt auf dem Parkplatz der Fish River Lodge, wo wir schon mit zwei kühlen Erfrischungsgetränken in Empfang genommen werden. Obwohl wir keine Gäste sind, werden wir als solche behandelt. Das Personal ist höchst erfreut, als wir berichten, dass wir einfach mal so vorbeischauen. Ehrlich gesagt, wollte ich woanders hin und hatte insgeheim gehofft, von der Lodge aus noch einen weiteren Punkt anfahren zu können. Sei’s drum. Bleiben wir somit einfach unserer Philosophie treu.

          Unabhängig der ursprünglichen Wünsche stehen wir staunend am Abgrund des Kessels. Nach dem Grand Canyon sehen wir also auch den größten Canyon Afrikas und damit den zweitgrößten der Welt. Nicht schlecht für 28 Lebensjahre. Pünktlich zur Mittagszeit setzt bei mir die Müdigkeit ein. Der frühe Sonnenaufgang hinterlässt seine Spuren. Wir setzen uns in die gemütlichen Liegestühle und schließen für einen Moment die Augen. Verweile doch, du bist so schön, schrieb schon Goethe in Faust. Die Sonne steht im Zenit, lange halten wir es nicht aus. Wir bevorzugen in den kommenden Minuten den Schatten im Restaurant, wo wir uns ein gute Mahlzeit gönnen, bevor wir wieder aufbrechen. Immer auf der Suche nach neuen Motiven steuern wir ein paar hunderte Meter weiter Richtung Canyon. Ich bin einfach noch nicht zufrieden, auch als wir wieder im Auto sitzen und weiter fahren, dreh ich wieder um. Wir gehen einen Weg direkt am Abgrund entlang und erhaschen einen weiteren, noch besseren Blick auf die Landschaft. Yes! Und schon bin ich glücklich und kann darüber hinweg sehen, dass wir nicht bei dem üblichen Ausblick vorbeigeschaut haben. Wir haben etwas einzigartiges für uns entdeckt.

          Zufrieden wandern wir zurück zum Auto. Die Hitze ist in jeder Faser des Körpers zu spüren. Lieber raus aus der Sonne. Die staubtrockene Luft bekämpfen wir mit lauwarmen Wasser aus unseren vorbereiten Flaschen. Wir überqueren die Landebahn der Lodge und ein majestätisch schönes Panorama eröffnet sich uns. Wow! Du schönes Namibia, so abwechslungsreich und wunderschön. Nach einer Kurve entfährt Farina ein lautes ‚Halt, da stehen Zebras. Zebras! Halt an.‘ Ich stoppe. Die Tiere verharren in ihrer Position. Es sind vier Stück, die dort nur wenige Meter von uns entfernt stehen. Mein erstes Argument, um nicht in der Kurve stehen bleiben zu müssen. ‚Ach was, die sind nicht echt.‘ Haha! Eine Aussage für die ich nur müdes Lächeln ernte. Stimmt, warum sollte hier jemand vier Zebras einfach in die Natur stellen. Als sich die vier schwarz-weiß gestreiften Schönheiten weiter bewegen, wird mir noch bewusster, was ich gerade von mir gegeben habe. Ein guter Witz. Die vier interessiert in keinster Weise, was wir gerade diskutieren, sie wollen einfach nur weit weg von uns. Farina nimmt die Kamera in die Hand und wird mit einer extra Show Einlage belohnt.

          Ein Zebra bleibt ein paar Meter hinter seiner Herde zurück, scharrt mit den Hufen und setz mit großen Sprüngen hinterher. Ein toller Anblick. Was für schöne Tiere, jubelt sie. Als wir eine halbe Stunde weiter sind und vier weitere Zebras erspähen, fragen wir uns, ob es möglicherweise die gleichen sind oder ob wir heute nun schon acht Zebras gesehen haben. Ohne eine Antwort zu erhalten, setzen wir unsere Fahrt fort. Erleichterung überkommt mich als wir wieder auf der D463 stehen. Was für eine Schaukelfahrt. Dagegen erscheint der Rückweg wie eine Fahrt auf Wolken. Ganz gemütlich gleitet unser Toyota über die Querrillen, die an Wellblech erinnern. Mit dem Hörspiel zum Film ‚König der Löwen 2‘ in den Ohren pirschen wir uns Richtung Alte Kalköfen Lodge. An einer Kreuzung wählen wir an einen anderen Weg als auf dem Hinweg. Laut Karte werden wir von Süden kommend, am Eingangstor zur Lodge eintreffen. Glücklicherweise bleibt diese Entscheidung ohne negative Folgen. Wir rollen geschwind über eine weitere D Straße. Unterwegs begegnet uns niemand. Die zwei Millionen Einwohner und die Vielzahl Besucher verteilen sich wunderbar über das ganze Land. Unsere Heimat passt übrigens ca. 2x hinein.

          Nach der Ankunft in unserem nun aufgeheizten Bungalow reißen wir alle Türen und Fenster auf, streifen die Badesachen über und marschieren zum Pool. Eine kurze Erfrischung bevor die Sonne verschwunden ist. Schade, dass wir schon morgen  weiter fahren. Wie uns Mario mitteilt, sind wir heute nicht alleine beim Essen, im Mittelpunkt des Speisesaals steht eine große Tafel. 24 Personen haben sich angemeldet. Wir suchen uns einen Tisch am Ende des Saals, von wo wir einen Blick auf den Sonnenuntergang erhaschen können. Neben uns sitzen zwei Deutsche mit denen wir schnell ins Gespräch kommen. Sie berichten von ihren Reiseplänen und geben unserer Route ein bisschen mehr Struktur. Schließlich ist noch offen, wo wir morgen übernachten. Wie sich herausstellt, wohnen die beiden in Ostwestfalen, der Heimat von Farina. Paderborn ist ihnen natürlich bekannt. Das Essen ist wie schon am Vorabend hervorragend und wird uns in bester Erinnerung bleiben. Wir beenden den Tag mit ein paar Fotos vom Nachthimmel, lauschen der Stille und schlafen ein.

          Gespenstische Leere nahe der Geisterstadt

          Ein neuer Tag, eine neue Etappe. Wir packen, frühstücken ausgiebig und stehen wieder ohne Übernachtungsmöglichkeit da. Die alte Leier eben. Doch abgesehen davon hätten wir wahrscheinlich nicht einfach zwei Nächte in einer so wunderbaren Lodge gebucht. Ein Für und Wieder der besonderen Art. Wie wir von vorangegangen Rundreisen wissen, bleibt nur selten Zeit, um an einem Ort länger zu verweilen. Schweren Herzens kehren wir der ‚Alte Kalköfen Lodge‘ den Rücken bzw. wenden ihr das Heck unseres Toyotas zu. Wir wollen heute die Geisterstadt in Kolmanskop besuchen und die Reise mit einem Abstecher nach Lüderitz am Atlantischen Ozean verbinden.

          Erster Halt auf der Route ist die kleine Stadt Aus. An der gar nicht frequentierten Touristeninformation halten wir, zücken die Telefone und begeben uns auf Bettsuche im Internet. Endlich wieder Empfang in der freien Wildbahn. Wir überlegen schon mal, wo wir die nächsten Tage verbringen wollen. Für heute suchen wir uns etwas direkt vor Ort. Im Zentrum lassen wir voll tanken. Bis Lüderitz sind es 200 Kilometer. Dazwischen ist weit und breit nichts. Von der Tankstelle aus erkunden wir die wenigen Straßen der Stadt. Der Ort Aus ist gespenstisch leer. Niemand ist unterwegs. Hier wollen wir nicht bleiben und fahren weiter.

          Drei Kilometer auf der Straße nach Westen, biegen wir links ab und versuchen unser Glück in Klein-Aus Vista. Im Internet haben wir schon die drei unterschiedlichen Übernachtungsangebote gesehen. Ohne Zelt fällt Camping in der Geisterschlucht leider aus. Wir parken vor dem Wild West anmutenden Empfangsgebäude. An der Rezeption bekommen wir auf Nachfrage ein schönes geräumiges Farmhouse im Desert Horse Inn. Schon vor 12 Uhr sind wir mit dem Thema Unterkunft durch. Yes! Eine schlechte Nachricht erhalten wir dann doch noch. Wir erzählen dem Empfangsleiter von unserem Plan die verlassene Stadt Kolmanskop besichtigen zu wollen, woraufhin er nur meint: ‚You won’t make it!‘ – Ihr werdet es nicht mehr schaffen. Verdammt! Die Öffnungszeiten sind von 8 bis 13 Uhr. Och neeee! Welch ein Eigentor. Wir werden also in keine Badewanne voller Sand in einem der Häuser krabbeln.

          Zu dem Zeitpunkt sind wir kurz geknickt. Unter den Umständen hätten wir doch woanders hinfahren können, ist einer meiner ersten Gedanken. Fahren wir eben nur nach Lüderitz. Wir schauen uns kurz noch auf dem Gelände um, fahren raus Richtung Eagles Nest. Die Formation wunderschöner kleiner steinender Chalets liegt sieben Kilometer von der Lodge entfernt. Hier würde es uns auch gefallen. Die am Felsen erbauten Häuschen kennen wir schon von Schirins Instagram Bildern. Farina spielt mit dem Gedanken den Rezeptzionisten zu bitten, uns hier einzuquartieren. Eine Herde Oryxe schaut uns ebenso verdutzt an, wie ich Farina. Ich entgegne ihr, dass die Unterkunft wahrscheinlich nicht billiger sein wird, auch wenn sie noch so schön ist. So ein Lodge-Road Trip buddelt definitiv ein größeres Loch ins Portmonee als die günstigen Nächte in schäbigen Motels auf den Rundreisen durch den Südwesten der USA. Beim nächsten Mal würde ich eventuell einen Camping Urlaub in Erwägung ziehen. Zelten auf dem Autodach, Essen zubereiten auf dem Gaskocher. Leben in der Natur eben!

          Es ist schon nach 13 Uhr. Knapp zwei Stunden Fahrt bis Lüderitz liegen noch vor uns. Der ewige Kampf gegen das Licht beginnt. Auf der Karte verläuft die Straße schnurgerade gen Westen. Nach einigen Tagen in der staubigen Wüste wartet zur Abwechslung Meeresluft auf uns. Die Zeit entlang der endlos weiten und kargen Landschaften, auch vorbei an der Geisterstadt, vergeht rasend schnell. Ich halte mich vorschriftsmäßig an die Geschwindigkeitsbegrenzung von 120 km/h. Unterwegs halten wir an einem einsamen verlassenen Haus an. Ein anderes Auto steht bereit davor. Wir steigen aus und spüren die Wüste. Boah ist das heiß, die Sohlen unserer Schuhe beginnen zu glühen. Der Drang des Unbekannten ist größer als der winzige Schmerz. Jeder läuft in eine andere Richtung auf der Suche nach einem gelungenen Motiv. Die Hitze und der Durst treiben uns einige Minuten später wieder zusammen. Wir düsen weiter Richtung Ozean. Wir durchqueren Dünenlandschaften, staunen über die unbefleckte Natur und bleiben wir das eine oder andere Bild stehen.

          In Lüderitz angekommen, der ersten deutschen Stadt im ehemaligen Südwestafrika, wähle ich den Weg zu einem ausgeschilderten Strand. Das Zentrum ist wie ausgestorben. Nur vereinzelt erspähen wir Menschen sind auf den Straßen, die oft erwähnte deutsche Architektur nehmen wir kaum wahr. Der Weg führt uns hinaus aus der Stadt, vorbei an einem Township und einem abgesperrten See mit lauter Flamingos. Ohne langes Objektiv bleiben uns Nahaufnahmen der pinken Flattermänner verwehrt. Näher als bis zum Zaun kommen wir nicht heran. Wir erreichen den Strand. Der Wind tobt, sofort legt sich ein Salzfilm auf unsere Haut. Der Sand ist zu großen Teilen von Algen belegt. Etwas enttäuscht kehren wir wieder um und wollen uns näher im Ort umsehen.

          Auf der vorgelagerten Halbinsel Shark Island besteigen wir den höchsten Punkt direkt am Leuchtturm, knipsen ein Bild vom schönen blauen Wasser mit dem Hafen im Hintergrund und begeben uns im Anschluss auf die Suche nach einem Supermarkt. Ohne jegliche Pläne für die kommenden Tage, wir wissen nur, dass wir an Silvester bei den roten Dünen sein wollen, decken wir uns mit Nüssen, Wasser und viel Kleinkram ein. Irgendwie kommen wir schon über die Runden, lautet die Devise. Wir sind ja nicht die ersten Touristen in Namibia. Als Abendessen wählen wir länglich geschnittene kalte Kartoffeln, die aussehen wie Pommes aber nicht ansatzweise so schmecken und ein paar Vegetables. Als reine Pflanzenfresser ist die Auswahl an den Theken eher klein. Beim Bezahlen an der Kasse schenkt Farina der Einpackhilfe ein Kompliment. Entzückt feiert die Frau mit den Dreadlocks die lieben Worte. Sogar so lautstark, dass wir es hören können. ‚She likes my hair‘ sagt sie zu der Verkäuferin neben sich und grinst. Mit schnellen Schritten bringen wir die Einkäufe zum Auto und steigen ein. Vor dem Spar Markt ist mehr los als im restlichen Teil der Stadt.

          Eine letzte Sache wollen wir dann noch organisieren, bevor wir die Zivilisation verlassen. Wir brauchen frisches Bargeld. Durch die Geschichte in Stellenbosch im vergangen Winter sind wir vorgewarnt und beobachten zunächst im Auto sitzend das Geschehen vor den Bankautomaten. So recht sicher schaut es nicht aus. Das Missvertrauen in die Menschheit ist seit dem vergangen Jahr einfach riesig. Wir fahren die Straße hoch und sehen an einem anderen Schalter einen weißen Mann. Lass es uns ausprobieren. Farina springt aus dem Auto und bittet ihn kurz ein Auge auf sie zu haben. Sie verstaut das Geld und wir unterhalten uns noch eine Weile mit dem grauhaarigen Mann aus Portugal, der sich zu unserer Verwunderung in Lüderitz verliebt hat. Stolz erzählt er uns von seinem Sommerhaus am Meer, in das er sich seit etlichen Jahren zurück zieht. Er weiß die Ruhe gerade in der Weihnachtszeit zu schätzen. Laut seiner Aussage sind dann alle in Swakopmund. Für uns dennoch kein Argument noch weitere Zeit im Ort zu verbringen.

          Auf der einsamen Piste zurück nach Aus begegnen uns noch einige LKWs und vollbepackte Jeeps, deren Insassen ihr Nachtlager wahrscheinlich in Lüderitz aufschlagen wollen. Da links und rechts des Weges keine Begrenzungen stehen, drehen wir eine Runde neben der Straße. Wir suchen uns flache Stelle und donnern über den Sand. Was für ein geiles Gefühl über die Steppe zu fahren. Freiheit im Licht der untergehenden Sonne. Wir stoppen an einer fotogenen Stelle und schießen ein paar Bilder mit dem Selbstauslöser. Wir sind umgeben von kargen Landstrichen. Die Farben grau und braun dominieren die Szenerie. So mögen wir das.

          Im tierstehenden Nachmittagslicht und der Sonne im Rückspiegel fahren wir weiter. Noch vor Beginn der Dämmerung erreichen wir unsere Herberge in Klein Aus-Vista. Wir springen zur Abkühlung in den Pool, bevor wir uns im kühlen Zimmer um die Unterkünfte der kommenden Tage kümmern. Die Leitung nach draußen ist schwach, es dauert ewig bis die Entscheidungen getroffen sind. Ich buche schlussendlich zwei Zelte in der Nähe der Dünen. Es ist schon sehr spät, weit nach 0 Uhr. Mir fallen die Augen die zu.

          Erste Hilfe in der Wüste

          Eine Unterkunft ist nur so gut wie das Essen am Morgen. Und diese Vielfalt heute früh im Desert Horse Inn überwältigt mich. Endlich ganz viel frisches Obst, Joghurt, Rührei und gutes Brot. Wir essen mehr als eigentlich nötig ist, sozusagen auf Vorrat. Gegen 10 Uhr kommen wir erst los. Nach dem sich Farina gestern über die Wildpferde in der Nähe informiert hat, setzen wir die Aussichtsplattform ganz nach oben auf die Tagesordnung. Schlüssel abgeben, Erinnerungsfoto schießen und dann starten wir durch. Auf in die Namib-Wüste. Doch zunächst biegen wir wieder links ab auf die Straße nach Lüderitz. Das Wasserloch der Wildpferde liegt nur knapp 20 Minuten von hier entfernt. Den Umweg nehmen wir in Kauf.

          Am Wegweiser lenke ich das Auto auf eine unbefestigte Straße. Die sandige Wellblechpiste schüttelt uns sanft durch während wir auf die Autos in der Ferne und einen überdachten Aussichtspunkt zu steuern. Farina steigt geschwind aus dem Wagen, die Augen in Richtung des Wasserloch gerichtet. Mit unserem 105 Millimeter Objektiv nähert sie sich dem Rudel wilder Tiere. Strauß, Oryx und Wildpferd haben sich um die künstliche angelegte Pfütze versammelt. Aus der Entfernung beobachten wir die Szenerie. Wie zu erwarten sind wir nicht alleine. Neben den zahlreichen Menschenaugen sind auch mächtig große Objektive auf die Tiere gerichtet. Wir fühlen uns sehr klein daneben. Über eine halbe Stunde stehen wir im Schatten der Überdachung und sehen wie eine Gruppe Sträuße sich mit sehr viel Respekt dem Wasserloch nähert. Die Oryxe mit ihren langen dünnen Hörnern haben hier das Sagen und weisen das langhalsige Federvieh in die Schranken. Immer wieder trotten Pferde und Gemsböcke heran und verschwinden so schnell wie sie gekommen am Horizont oder rechts aus dem Augenwinkel. Jeder geht seiner Wege über den staubigen heißen Wüstensand.

          Da wir noch ein paar Stunden Fahrt vor uns haben, legen wir den Rückwärtsgang ein und steuern die Tankstelle in Aus ein weiteres Mal an. Auftanken und Scheiben wischen. Im Tante Emma Laden hebe ich Geld ab und erledige die letzten Besorgungen. Schließlich wissen wir nicht was uns in der Wüste erwartet. Mit einer Packung Makkaroni, Tomaten aus der Dose, einer Tüte Cashewkerne und Chips starten wir in die nächste Etappe. Die geteerte Straße verlassen wir schon nach wenigen Kilometern. An der Kreuzung von C13 und D707 überholen wir ein vor uns fahrendes Auto und übersehen durch die Staubwolke beinahe die Abzweigung. Farina weiß nicht, wo wir hinwollen und ist ganz auf mich angewiesen. Ich drehe um und lenke unseren Geländewagen auf die D-Straße.

          Laut Internet ist dies eine der landschaftlich schönsten Straßen Namibias. Die Überschrift ‚Most scenic drive‘ hat mich bei der Recherche überzeugt, den Umweg durch die Berge zu nehmen. Wer nicht wagt der nicht gewinnt und außerdem haben wir noch genug Zeit. Es ist ca. 13 Uhr als wir auf die D707 fahren. Wir durchqueren ein Tal, links und rechts türmen sich hohe Bergketten auf. Die Wiese davor ist vertrocknet. Bei 37 Grad Außentemperatur und chronischem Wassermangel geht hier alles ein. Während im Radio das Hörbuch zum Bestseller ‚Hummeldumm‘ dudelt, ruckeln wir die staubige Straße entlang. Farina erinnert sich noch gut an die Zeit, in der ich grinsend das Buch über eine deutsche Reisegruppe auf ihrer geführten Bustour durch Namibia las. Die gesprochene Vertonung des Autors sorgt ebenso für ein paar herrliche Lacher in unserem Auto. Ein wenig Ablenkung von den durchaus nervenaufreibenden Straßenverhältnissen tut wahrlich gut. Unterwegs sehen wir nach Schatten suchende Oryxe, Kühe und auch ein paar freilaufende Zebras. Letztere sind gar nicht erfreut Farina mit ihrer Kamera zu sehen, sie zeigen ihr das gestreifte Hinterteil und verschwinden im Schutz der Bäume. Nach zwei Stunden sind wir raus aus den Bergen und fahren auf die C-Straße zurück, immer weiter Richtung Norden.

          Andauernd fragen wir uns, wie lange wohl unsere Freunde Schirin und Anhtuan im vergangen Sommer für diese Strecke mit ihrem kleinen Fiat Punto gebraucht haben. Wir werden hin- und her geschleudert, fahren von links nach rechts. Die Straße ist zum Glück breit genug. Wir weichen konsequent den Schlaglöchern aus. Bei konstant 100 km/h fliegen wir über die Piste. An einer unruhigen Stelle verliere ich dann doch die Kontrolle über das Auto. Es zieht nach links, nach rechts, ich halte das Lenkrad und warte auf die nächste Bewegung. Hilflos driften wir über die Wellblechkanten bis wir einige Meter weiter zum Stehen kommen. Der Toyota steht quer auf der Fahrbahn. Farina schaut mich an, mein Blick wandert zu ihr. Puuuuh. Glück gehabt. Wir atmen auf. Der Schrecken steht uns ins Gesicht geschrieben. Einmal tief durchatmen und weiter geht die wilde Fahrt.

          Mit nun angemessenem Tempo nähern wir uns der Oase vor der Wüste Namib. Um 17.30 Uhr erreichen wir den Ort Sesriem, dem Eingangstor zum Sossusvlei. Nach langer Zeit sehen wir wieder Menschen und haben einwandfreien Internetempfang. Während wir warten, dass der Tankwart mit seinem strahlend weißen Lächeln den Preis für die letzte Füllung nennt, blicken wir auf die Uhr. In zwei Stunden geht die Sonne unter. Vor uns liegt noch circa eine Stunde Fahrt bis zu unserem Nachtlager im Soft Adventure Camp. Morgen schlafen wir ja zum Glück ganz in der Nähe, nur vier Kilometer vom Tor entfernt. Wir brechen auf und werden nur wenige Minuten später Zeuge eines schweren Unfalls.

          In der Ferne sehen wir, ein sich schnell näherndes Auto und sind erstaunt mit was für einer Geschwindigkeit der Fahrer unterwegs ist, als wir nur Sekunden später eine riesige Staubwolke sehen. Nichtsahnend überqueren wir den nächsten Hügel und erwarten das Fahrzeug. Doch alles was uns im nächsten Augenblick geboten wird, ist eine eine wild fuchtelnde Frau am Straßenrand, die neben einem auf dem Dach liegenden Auto auf und ab rennt. Ach du scheiße, widerfährt es uns gleichzeitig. Verdammt. Was thun?

          Unser Puls steigt schlagartig in die Höhe. Wir stoppen und laufen auf die Unfallstelle zu. Weitere Frauen winden sich aus dem umgekippten Jeep heraus. Scherben und allerhand Material aus dem Auto liegen wild verteilt im trockenen Gras. Mittendrin ein Mädchen mit schmerzverzerrtem Gesicht. Ihr Fuß hat etwas abbekommen. Blick aufs Telefon? No Service! Erste Hilfe Kurs Fähigkeiten? Fehlanzeige. Wir haben hier draußen keinen Empfang, um Hilfe zu holen. Ein weiterer Wagen hält an. Farina und die Frau bitten den Fahrer in Sesriem Hilfe zu holen. Der zweite Schock an diesem Tag sitzt uns in die Gliedern. Erst jetzt wird uns richtig bewusst, wie schnell so ein Unglück hier im Niemandsland geschehen kann. Farina zittert etwas. Mir wird flau im Magen.

          Ohne den Hauch einer Ahnung von erster Hilfe warten wir ab. Gemeinsam mit den anderen drei sammeln wir alle Gegenstände ein, die aus dem Auto geschleudert wurden. Die fünf Frauen aus Malaysia berichten uns vom Unfallhergang und ihrer bisherigen Reise. Sie sind im Camping Urlaub. Das Auto war randvoll mit Taschen und Kleinkram zum Zelten. Zu unserer Überraschung wirken sie relativ gefasst. Die erste Panik scheint vorüber, nach dem sie alle mehr oder weniger wohlbehalten aus dem Wagen fliehen konnten. Die am Boden liegende Cousine war nicht angeschnallt und wurde durch die Frontscheibe herauskatapultiert. Szenen wie im Film spielen sich in meinem Kopf ab. Der Geländewagen überschlug sich zwei Mal, bevor er rücklings auf dem Dach landete. Die Spuren des Unfalls haben sich in den Sand eingegraben.

          Glück im Unglück trifft es wohl am Besten! Wir fragen uns, ob es ein ähnliches Sprichwort im Englischen gibt. Wir konfrontieren sie mit der wörtlichen Übersetzung ‚Luck in Unluck‘ und ernten nur fragende Blicke. Mittlerweile sind wir auch nicht mehr alleine am Unfallort. Diverse andere Autos und sogar ein Safari-Truck halten an, um ihre Unterstützung anzubieten. Bestimmt 20 Personen befinden sich zu diesem Zeitpunkt mittendrin statt nur dabei. Die verwundete Leryi bleibt weiterhin am Boden liegen, ohne ärztliche Versorgung traut sich niemand, sie zu bewegen. Zwei Ärzte aus Deutschland passieren kurze Zeit danach die Menschentraube und versorgen die Verletzten mit Medikamenten. Eine zweite Frau fässt sich an die Schulter, sie war ebenflals nicht angegurtet. Zuvor hatte Farina mit Paracetamol-Tabletten für eine erste Schmerzlinderung gesorgt. Als sich die Situation entspannt und wir alle Gegenstände von einer auf die anderen Seite geräumt haben, dünnt sich die Menschenmenge aus.

          Telefonempfang hat niemand hier draußen, nicht mal mit dem Satellitentelefon aus dem Unfallwagen haben wir Erfolg. Wir müssen weiter warten. Diese Ungewissheit nervt jeden hier. Die Sonne nähert sich dem Horizont. Maria und Lisa, zwei Deutsche, deren Wege wir heute schon mehrmals auf der Strecke gekreuzt haben, bringen einen Teil der persönlichen Sachen ins Camp. Sie haben heute noch das gleiche Ziel und wir verabreden uns dazu, gemeinsam zum Soft Adventure Camp zu fahren. Wir stehen nun ganz alleine mit zwei Helfern und dem Rest der Verunglückten in der Wüste. Erst nach Sonnenuntergang werden wir erlöst. Ein Pick-Up Truck mit einem Verantwortlichen aus Sesriem erreicht uns nach mehr als zwei Stunden Wartezeit, im Schlepptau folgt ihm die Polizei mit einem Arzt aus der Notaufnahme. Wir rätseln, wie es wohl weiter geht. Bei ernsthaften Rückenverletzungen müsste sie wohl mit dem Hubschrauber in ein Krankenhaus gebracht werden. Die nächst größeren Städte liegen jeweils fünf Autostunden über eine nach meinem Verständnis schlechte Straße entfernt. Die Helfer verladen die junge und wie wir erfahren frisch verheiratete Leryi auf die Ablagefläche. Sie kann schon wieder lächeln. Um nicht im Dunkeln alleine auf Maria und Lisa zu warten, hängen wir uns an die Karawane zurück nach Sesriem. Es ist stockdunkel draußen, nur die blau-rot leuchtenden Warnlichter des Polizeiwagens erhellen die Nacht.

          Kurz bevor wir den Ort erreichen, begegnen wir unseren neuen Freunden aus Deutschland. Wir sind froh sie zu sehen. Alleine durch die Dunkelheit zu fahren, wäre für keinen von uns ein Spaß. Sie berichten von ihrer Reifenpanne und entschuldigen sich für die Verzögerung. Immerhin ist es nicht auf offenem Gelände passiert, entgegnen wir ihnen. Farina schlägt vor, nebeneinander auf der breiten Straße zu fahren, um die Tiere und andere Gefahren am Straßenrand besser zu erkennen. Mit nun 50 km/h tuckern wir über die Buckelpiste, weichen großen Löchern aus und spüren dabei jede Bodenwelle im Hintern.

          Die Uhr im Auto steht auf halb 11, als wir unser Hab und Gut ins Zelt verladen. Zum ersten Mal schlafen wir in einem Haus mit Zeltwänden. Es ist tierisch heiß hier drin. Die Klamotten sind voller Staub und Dreck. Müde und geschafft schmeißen wir uns aufs Bett. Wegen der vielen kleinen Tierchen in der Wildnis lassen wir alle Türen und Reißverschlüsse geschlossen. Das monotone Geräusch des großen Ventilator surrt uns letztendlich in den Schlaf. Was für ein abenteuerlicher Tag.

          Vor Silvester festgefahren

          Einen gemächlichen Start legen wir am Silvestervormitttag hin. Die Ereignisse von gestern Abend beschäftigen uns auch weiterhin. Ein Glück ist unser Auto nicht abgehoben, als wir kurz ins Schleudern geraten sind. Beim Losfahren treffen wir noch auf Lisa und ihre Tante Maria, die bereits vom Frühstück zurückkehren. Wir tauschen Nummern aus und verabreden uns mit Lisa für unseren letzten Abend in Windhoek.

          Auf dem Rückweg nach Sesriem, zu unserem nächsten Schlafplatz, sehen wir, dass das Auto vom Unfallort schon entfernt worden ist. Nur die Scherben und die tiefen Spuren im Sand erinnern an das Drama des Vorabends. Um die Mittagszeit erreichen wir schon unser Ziel. Da wir zu früh dran sind, um im Desert Camp einzuchecken, statten wir den Mädchen aus Malaysia einen Besuch auf der Krankenstation ab. Sie freuen sich uns wieder zu sehen und sind uns so dankbar für die Unterstützung und den Beistand. Ihre Fröhlichkeit ist ihnen trotz der ungeplanten Strapazen nicht abhanden gekommen. Die Nacht haben sie in einer Lodge verbracht. Der gutherzige Helfer von gestern Abend hat ihnen ein Zimmer zur Verfügung gestellt. Sie erzählen, dass das kaputte Auto schon ganz früh morgens abgeholt wurde und sich die zwei Verwundeten in einem Krankentransporter auf dem Weg nach Swakopmund befinden. Ihnen ging es den Umständen entsprechend gut, dem Rückflug nach Singapur steht nichts im Weg. Ein Taxi ist auch schon auf dem Weg von Windhoek hierher, um sie abzuholen. Ein Glück ist alles soweit organisiert. Bis 17 Uhr müssen sie noch warten.

          Ich schaue auf mein Telefon. Fünf Stunden bleiben also noch. Genügend Zeit, um die roten Dünen zu sehen, denke ich mir. Mein Blick wandert zu Farina. Es kribbelt in mir. Ich schlage allen vor, dass wir jetzt gleich – sofort – in den Nationalpark fahren. Ich erläutere weiter, dass sie ja nur deswegen hier sind. Ich hoffe, sie verstehen, was ich mit meinem fortgeschrittenen Schulenglisch sagen will. Die Drei strahlen mich an! Yes. Alle freuen sich. Wir laden das Auto aus, klappen die Sitze um und düsen nach dem Kauf der Eintrittsberechtigung los. Farina, das Auto und ich werden großzügig eingeladen. Eine höfliche Geste, die wir sehr zu schätzen wissen, auch wenn Farina zunächst etwas dagegen sträubt. Das Leben ist ein einfach Geben und Nehmen.

          Voll beladen fahren wir den roten Dünen entgegen. Der blaue Himmel hebt sich kontrastreich von der Landschaft darunter ab. Lieder aus dem Soundtrack Wüstenblume untermalen die wundervolle Natur rechts und links. Die geteerte Straße windet sich durch die Wüste. Bei Kilometer 45 stoppen wir. Beinahe wäre ich daran vorbeigefahren. Die berühmte Düne 45 erhebt sich vor uns. Was für ein Anblick. Wow! Der Wind pustet uns feinen Sand ins Gesicht. Die Sonne steht hoch im Zenit. Von unten beobachten wir zwei Personen auf dem Kamm der Düne, wie sie immer höher und höher laufen. Bei knapp 40 Grad Celsius ein sportliches Unterfangen. Wir belassen es bei den ersten Metern. Die Drei aus Malaysia sind einfach nur froh die Düne zu sehen. Der rote Sand erhitzt ihre dünnen Schuhsohlen von unten. Bei jedem Schritt kriecht er mehr und mehr in die Schuhe. Knips, Knips und noch ein paar Videos. Der sozial mediale Auftrag ist damit erfüllt. Die Erinnerungen und Beweisfotos für die zwei Abwesenden sind im Kasten. Farina und ich werden zum Sonnenuntergang wieder kommen und sind damit einverstanden weiter zu fahren. Um die Mittagszeit herum fehlen Licht und Schatten, um die riesige Sandformation in ihrer einzigartigen Schönheit zu fotografieren. Wir kehren zurück auf die Straße, die noch knapp 15 Kilometer weiter Richtung Sossusvlei Parkplatz führt.

          Auf dem Parkplatz herrscht gähnende Leere, nur ein paar Wüstentaxis stehen unter einem schattenspendenden Baum. Die Teerstraße endet hier und verläuft nahtlos über in Sand. Mit unserem Allradantrieb sind wir befugt, weiter in die Dünenlandschaft hinein zu fahren. Tiefe Spuren weisen uns den Weg durch den weichen Sand. Die ersten Meter manövrieren wir uns gekonnt über den unbefestigten Weg. Ganz sicher sind wir uns nicht, ob wir es wirklich wagen sollen. Im Internet las ich zuvor viele Geschichten von im Sand stecken gebliebenen Fahrzeugen. Ich will mir nicht die Blöße geben und bin bereit. Wir schalten von H2 auf H4 Low. Es piept. Was bedeutet das wohl? Von links überholt uns eines der Wüstenschiffe und bleibt wenige Meter vor uns stecken. Die Räder drehen durch. Es scheint für den Moment nicht weiter zu gehen. Wir kommen ebenfalls zum Stehen und schauen zu wie sich das Auto befreit. Ich drücke aufs Gas und nehme mit Anlauf die Senke. Wie auf Seife rutschen wir über den Sand und bleiben anderer Stelle auch stecken.

          Die Räder graben sich tief in den Sand, verzweifelt schaue ich Farina an. Niemand hat einen guten Ratschlag parat. Wir haben uns festgefahren. Der Motor heult auf, vor- und zurück. Nein. Alleine kommen wir nicht mehr raus. Der Typ aus dem Wüstentaxi kommt angelaufen. Ich übergebe ihm die Gewalt über den Wagen. Er hat schließlich Übung darin. Alle müssen aussteigen. Schieben ist angesagt. Zu Fünft lehnen wir uns gegen das Auto. Rückwärts fahrend zieht uns der Helfer aus dem Schlamassel. Schöner Mist. Gedemütigt von der Natur geben wir auf.

          Sein Angebot das Auto stehen zu lassen und auf seine ausgebaute Rückbank zu steigen, lehnen wir ab. War das vielleicht ein Trick? Die Tour hin- und zurück kostet 150 Rand pro Person. Um die Mittagszeit ist wenig los. Möglicherweise hätten wir den weichen Sand mit mehr Schwung überwunden. Nun ja, wir werden es nie herausfinden und sind insgeheim dankbar für eine neue Geschichte. Auf dem Rückweg halten wir in einer Kurve an und besteigen den erstbesten Hügel, um einen Blick auf die kurvige Landschaft zu werfen. Einfach bildschön. Wir verweilen nur ein paar Minuten. Die Luft ist einfach zu heiß. Die Sonne brennt auf der Haut. Zum Schutz flüchten wir uns ins klimatisierte Auto und fahren die 65 Kilometer zurück nach Sesriem, wo wir uns von den lieben Mädels aus Malaysia verabschieden.

          Es ist mittlerweile 15 Uhr. Unser nächster Aufenthaltsort liegt nur 4 Kilometer vom Eingangstor entfernt. Gestern haben wir im Vorbeifahren schon das Desert Camp in der Ferne erspäht, jetzt fahren wir direkt vor und checken ein. Auf Nachfrage erhalten wir gegen eine Kaution von 300 Namibischen Dollar eine Box mit Geschirr und Kochutensilien. Insgesamt 20 Zelthäuser stehen in einer Reihe, wir bekommen den Schlüssel für Nummer 18. Unseren Geländewagen parken wir neben dem Haus. Farina ist sofort verliebt in das Ambiente. Brauner Fußboden, ein hübsches Bett, Erdtöne im gesamten Raum. Wir legen unsere Sachen ab und spazieren an den Pool. Spuren von Tieren zeichnen sich im Sand ab. In einiger Entfernung sehen wir Spießböcke durchs Camp reiten.

          Im Anschluss koche ich ein herrlich simples Makkaroni-Mahl mit Bohnen und einer Mischung aus Tomaten und Zwiebeln aus der Dose in der offenen Küche. Per Reißverschluss ist diese vor Eindringlingen geschützt. Herd, Kühlschrank und Spüle sind vorhanden. Es ist unsere erste richtige Glamping Erfahrung. Die glamouröse Campingunterkunft gefällt uns so sehr, dass wir spontan eine weitere Nacht im Desert Camp buchen. Die ewige Suche nach dem kommenden Schlafplatz verschieben wir somit erstmal um einen weiteren Tag. Warum weiter fahren, wenn es hier so schön ist.

          Da das Eingangstor für Besucher schon um 19.30 Uhr, noch vor Sonnenuntergang, schließt, fahren wir rechtzeitig los. An der Tankstelle decken wir uns noch mit Getränken und weiteren Dosen ein. Es ist ein Ort des Wiedersehens. Zunächst treffen wir die zwei deutschen Ärzte, dann begegnet uns ein Paar, was Farina gestern beim Unfallort angehalten hat und zu guter Letzt stehen die drei Mädchen aus Malaysia wieder vor uns. Sie sind gerade in den Bus gestiegen, der sie nach Windhoek bringen wird. Der Fahrer lässt tanken, kontrolliert den Reifendruck und füllt Wasser nach, um die anstehende Reisezeit von fünf Stunden durch die Einöde unbeschadet zu überstehen. Ein weiteres Mal nehmen wir sie in den Arm und wünschen ihnen alles Gute für die Reise bis nach Hause.

          Etwas überstürzt brechen wir auf. Nur noch 90 Minuten bleiben uns. Der Pförtner am Eingangstor kennt uns mittlerweile schon. Mit 60 km/h über der erlaubten Geschwindigkeit rasen wir der Düne 45 entgegen. Boah, was für ein Stress auf einmal. Ziemlich genervt von der Trödelei und der noch ausstehenden Hektik, Düne hoch und runter in maximal 15 Minuten, trete ich das Gaspedal. Die Straße sind vollkommen frei. Wir kennen den Weg schon. Nur auf Parkplatz vor dem roten Haufen steht ein Auto. Leichtfüssig erklimmen wir die Düne. Ich eile voran. Bis ganz nach oben schaffen wir es nicht.

          Verwundert stelle ich fest, dass uns beim Abstieg noch weitere Touristen entgegen kommen. Sie wohnen anscheinend hinter dem Tor und dürfen länger bleiben. Wir lernen daraus für den nächsten Besuch. Für beeindruckende Fotos aus jedem Blickwinkel bleibt leider kaum Zeit. Zusätzlich stehen die Wolken der Sonne im Weg. Das tägliche Licht- und Schattenspiel bleibt nahezu aus. Erst als wir runterlaufen präsentiert uns die Sonne das bildschöne Kontrastprogramm aus orange leuchtendem Wüstensand und dunklen Schatten. Wir schießen noch auf die Schnelle ein Bild aus der Entfernung und brechen dann alle Regeln der namibischen Straßenverkehrsordnung. Wir fliegen durch die Kurven, immer die Uhr im Blick. Fragen schießen in den Kopf: Was passiert, wenn das Tor geschlossen ist? Wie kommen wir raus? Wen müssen wir bestechen?

          Um 19.31 Uhr passieren wir unseren Freund am Eingang. Er schaut prüfend auf seine Uhr am Handgelenk. Geschafft. Ich bin erleichtert. Wenige Meter hinter dem Tor parken wir unser Auto. Zum letzten Mal in 2016 checken wir alle Social Media Kanäle, schicken Grußbotschaften raus und sehen dabei den wunderschönsten Regenbogen aller Zeiten. Farina gelingt es mit Hilfe der Panoramafunktion des Apple-Telefons, den von rechts nach links verlaufenden Bogen in seiner gesamten Schönheit aufzunehmen. Wow! Der Sonnenuntergang ist nicht minder spektakulär und entlässt uns in den Silvesterabend. Auf der Terasse sitzend, beobachten wir in der Ferne Blitz und Donner. Ein schönes Feuerwerk. Wir vermissen gerade nichts und lieben den Moment. Um 11 Uhr schlafen wir erschöpft ein. Gute Nacht 2016!

          Morgenstund hat Sand im Schuh

          Happy New Year. Und das um halb 6 morgens. In früheren Jahren sind wir in soaffen mancher Silvesternacht, um diese Uhrzeit erst ins Bett gegangen, jetzt stehen wir putzmunter und kerzengerade neben dem Bett. Der erste Sonnenaufgang des neuen Jahres erwartet uns bereits. Um 6.10 Uhr öffnet das Tor zum Sossusvlei. Punkt 6.15 Uhr passieren wir den Eingang. Zuvor habe ich schnell noch ein Porridge in der offenen Küche zubereitet und in Tassen umgefüllt. Frühstück To Go!

          Etliche Autos sind um die Uhrzeit schon unterwegs. Alle wollen das Naturschauspiel mit eigenen Augen beobachten und wir sind mittendrin. Zum bereits dritten Mal innerhalb von 24 Stunden nehmen wir den Weg zu den Dünen auf uns. Der Wagen fährt wie auf Schienen von alleine. Kurzer Fotostop an einer Düne und weiter auf ins Sossusvlei. Nach dem Fiasko gestern, stellen wir unseren Toyota lieber vor dem weichen Sand ab. Wir zahlen jeder 150 Rand für den Hin- und Rückweg und besteigen einen Jeep, der uns zum Parkplatz des Dead Vleis bringt. Unterwegs beobachten wir, wie die anderen Wagen über den tiefen Sand pesen. Mit gekonnten Manövern bringt uns auch unser Fahrer ans Ziel. Er bewegt andauernd das Lenkrad und nutzt damit die vergrößerte Fläche der Reifen, anstatt stur in einer Rille zu fahren. Schon aus dem Auto heraus sehen wir die wahnsinnig hohe Düne, auf deren Kamm sich etliche kleine schwarze Punkte entlang bewegen. Wie Ameisen schauen die Menschen aus der Entfernung aus. Es herrscht reger Verkehr auf Big Daddy, so der Name des naturbelassenen Kunstwerks. An die 350 Meter misst der sandige Koloss an der höchsten Stelle. Der Sandhaufen ist damit größer als der Eiffelturm in Paris und unserem Fernsehturm in Berlin ebenbürtig.

          Beim Aufstieg auf die Düne entledigt sich Farina ihrer Schuhe. Barfuß hat sie eine bessere Kontrolle über ihre Schritte als ich meinen schweren Stiefeln. Am frühen Morgen ist der Sand noch angenehm kühl. Die Schatten zaubern wunderschöne Kurven in die bizarre Landschaft. Links daneben erspähen wir die toten ausgetrockneten Bäume im Dead Vlei. Eine Lehmsenke in Mitten der orangenschimmernden Giganten, auf deren Rücken wir Meter um Meter durch den Sand stapfen. Wir knipsen was das Zeug hält. Wir kommen nur langsam meinem Ziel entgegen. Ganz nach oben will ich. Durch die vielen Unterbrechungen entscheiden wir uns dann doch, bei der Hälfte abzubrechen und den schnellsten Weg nach unten zu nehmen. Wir rennen die Düne einfach rechts herunter in die ausgetrocknete Senke. Es geht steil bergab. Was für ein Spaß. Ohne Technik würde ich mich einfach in den Sand schmeißen wie die Kinder neben uns.

          Unten angekommen, entledige ich mich meiner dicken Schuhe und lasse den Sand aus ihnen rieseln. Ich folge Farinas Beispiel und laufe ebenfalls barfuß herum. Der Lehmboden fühlt sich gut an. Es ist ein beeindruckender Anblick. Über uns tiefblauer Himmel, dann die roten Dünen und schlussendlich ragen die ausdörrten Bäume auf dem weißen Untergrund ins Bild. Eine klasse Komposition. Ein Guide kommt auf uns zu und bietet seine Hilfe beim Fotografieren an. Wir posen für ein paar Schnappschüsse von uns. Danke schön! Während unserer Unterhaltung rät er uns vom Besuch des Sossusvlei ab. Diese Senke führt im Sommer kein Wasser und ist gegenüber des Dead Vlei eher uninteressant. Dankbar für diesen Tipp schlendern wir weiter durch die imposante Natur. Es wird immer heißer im Kessel, doch wir können einfach nicht aufhören zu fotografieren. Schweiß rinnt die Schläfen runter. Unser Wasservorrat ist nahezu erschöpft. Die trockene heiße Luft brennt bei jedem Atemzug. Wir marschieren zurück zum Parkplatz.

          Zurück im Camp treffen wir zufällig noch Maria und ihre Nichte Lisa wieder. Farina scheint Menschen aus Ostwestfalen anzuziehen. Im Gespräch stellen wir fest, dass Lisa in Paderborn zur Welt gekommen ist. Verrückte kleine Welt. Für den weiteren Verlauf des Tages haben wir nichts weiter geplant. Wir gehen die Sache heute ruhig an. Ein weiteres Mal wollen wir nicht reinfahren. Im Zelt ruhen wir uns aus. Der Morgen war anstrengend, doch es hat sich gelohnt. Die Glücksgefühle überwiegen. Ein ganz besonderer 1. Januar in so einer bildschönen Landschaft. Als wären wir Teil eines Gemäldes. Gezeichnet von Mutter Natur. Mit diesem Bild im Kopf dösen wir in unserem Wüstenappartement dahin.

          Am frühen Abend nutzen wir unseren Permit noch für eine weitere Erkundungstour. Der Sesriem Canyon liegt nur 5 km außerhalb des Camps. Auf einer bescheidenen Straße nähern wir uns der Felsspalte. Wir steigen die 30 Meter hinab. Ohne große Anstrengungen erreichen wir den Boden. Leider bleibt uns nicht viel Zeit zum Erkunden, der Sonnenuntergang naht. Wir laufen nach links und schießen gegenseitig Fotos voneinander. Die Schlucht bietet eine wundervolle Kulisse. Über uns kreischen Vögel. Ein ohrenbetäubender Lärm. Ihr Schrei wird durch die beklemmende Enge verstärkt. Sie klingen wie die Wilddruden im Film Ronja Räubertochter.

          Bevor das Tor schließt, sind wir wieder raus und sitzen im Auto vor dem Eingang, um die Unterkunft für morgen zu buchen. Begünstigt durch Instagram entscheiden wir uns nach Swakopmund zu fahren. Im Dunkel der Dämmerung erreichen wir unser Zelthaus. Erschöpft und glücklich schaufeln wir uns noch die Reste vom Essen rein. Wieder Nudeln mit roten Bohnen und Zwiebeln. Wir geben uns ganz bescheiden mit dem Nötigsten zufrieden. Ein bisschen traurig sind wir schon. Es ist unsere letzte Nacht in der Wüste.

          Der beste angebrannte Apfelkuchen Namibias

          Fernab der Konsumgesellschaft ist jeder Tag bedeutungslos gleich. 2017 fühlt sich genauso an wie 2016. Wir ziehen weiter. Nach einem kurzen Spaziergang zum nahegelegenen Felsen sortieren wir unsere vier Taschen zurück auf die Rückbank des Autos und starten los. Der Schlafplatz ist ja zum Glück schon sicher. Für günstige 450 Rand bietet uns das Skeleton Backpackers Hostel eine Übernachtungsmöglichkeit. Ein richtiges Schnäppchen nach dem Luxus der vergangenen Tage.

          Ein zweites Mal fahren wir an der Unfallstelle vorbei. Der Staub des neuen Jahres hat sich bereits über die Spuren des Unheils gelegt. Nichts ist mehr zu sehen, von dem was war. Wir ziehen auf der Straße auf der die Mädchen uns entgegen kamen, einsam unsere Kreise. Unterwegs passieren wir das Eingangsschild der ROSTOCK RITZ Lodge. Ich steige für ein Bild aus. Heimatgefühle! Es hebt sich wunderbar von dem tiefblauen Himmel ab. Bis Swakopmund sind es noch mindestens vier Stunden. Wir hören Hörspiele und lassen so die Zeit verstreichen. In Solitaire legen wir einen Zwischenstopp ein. Hier wartet zur Mittagszeit der wohl beste Apfelkuchen Namibias auf uns. Der Ort ist ebenfalls bekannt für die einzige Tankstelle weit und breit. Kaputte Autos und meterhohe Kakteen säumen die Einfahrt. Auf dem Parkplatz herrscht reger Durchgangsverkehr. Auf der einen Seite die nach Benzin dürstenden Maschinen, auf der anderen Seite die hungrigen Leckermäulchen. Wir brauchen nur was Süßes. Ich bestelle zwei Kuchen an der Theke.

          Während ich warte, entdecke ich schon das große Blech mit Apfelkuchen. Der erste äußere Eindruck stimmt schon mal nicht. Die Streusel sehen ein bisschen sehr dunkel aus. Hmmm…! Wir geben dir trotzdem eine Chance. Auf jeweils einem Pappteller bekomme die zwei Stücke serviert. Ich weine innerlich. So wird das nix mit einem schönen Bild, obwohl daneben die Keramikplatten stehen. Ich wandere zu Farina an den Tisch. Ein erster Happen, ein zweiter Happen. Die dunklen Krümel bleiben etwas im Hals stecken. Ich vermisse eine Prise Zimt und schmiede Pläne. Ich überlege mit was für einem Essen, ich mir den selbsternannten Titel ‚Bester Punkt Punkt Punkt Namibias‘ geben kann. Der Laden floriert nämlich. Jede Menge Menschen stoppen hier. Wie mag es nur in der richtige Safari- Reisezeit aussehen. Ach, immer diese Erwartungen! Ich habe mir einfach zu viel versprochen. Für den weiteren Verlauf der Fahrt stecke ich mir noch zwei Käsebrötchen ein. Eine heimliche Schwäche von mir.

          Farina greift nach der Kamera und schreibt noch ein paar Daten auf unsere Speicherkarten. Foto hier und da. Die Oldtimer erinnern an das Tal des Todes. Lange halten wir es draußen nicht aus. Uns zieht es ans Meer. Stunde um Stunde vergeht während der Fahrt nach Westen. Endlos öde Landstrichen flanieren rechts und links an uns vorbei, bis wir eine geteerte Straße befahren. Einige Kilometer vor Walvis Bay sehen wir eine langgezogene Dünenformation. Autos parken davor, viele Menschen laufen querbeet umher. So ganz wohl fühlen wir uns nicht und verschwinden wieder. Die Straße führt direkt entlang der Dünen. Als wir links den Schildern nach Swakopmund folgen, erspähen wir am Himmel graue Wolken. Wir drehen die Klimaanlage runter. Kühl ist’s hier an der Küste. Wir sind vorgewarnt und dennoch bricht sofort eine gewisse Melancholie in mir aus. Typisch norddeutsches Wetter am Meer. Am Ortseingang begrüßt uns ein Schild ‚Willkommen in Swakopmund‘. Es schaut hier aus wie in Boltenhagen an der Ostsee. Tatsächlich ein Stück Deutschland. Kurort Feeling in Afrika.

          Sonne ist weit und breit nicht zu sehen. Unser Navi leitet uns Richtung Meer. Das Hostel liegt in Wurfweite des Atlantik. Die Luft schmeckt salzig. Ein feuchter Film legt sich auf unsere Haut. Beim Einchecken wechseln wir von Englisch in die deutsche Sprache. Der blonde Sunnyboy am Empfang zeigt uns unser Zimmer. Zum Schlafen reicht das vollkommen aus. Immerhin haben wir ein eigenes Bad. Total zufrieden beenden wir den Abend in einem naheliegenden Restaurant und schlafen in aller Ruhe im Hostelzimmer ein.

          Wenn Affen gaffen

          Mit dem innigen Wunsch nach einem Schlafplatz starten wir in den Morgen. Das Frühstücksangebot im Hostel sorgt für ein müdes Lächeln bei mir. Mit einer hübscheren Präsentation wäre mehr drin gewesen. Doch Hauptsache wir bekommen etwas zwischen die Zähne. In den USA nennen sie dieses Angebot kontinentales Frühstück. Für Schönheit haben wir aber auch nicht bezahlt.

          Bevor wir losfahren, kümmert sich Farina um die Unterkunft für heute Nacht. Von unserem ursprünglichen Plan mit dem Etosha Nationalpark, mit all den schönen Tieren, hatten wir uns ja schon längst verabschiedet. Durch eine Empfehlung sind wir auch das Erindi Reservat aufmerksam geworden. Dort besteht nur zwei Stunden von Windhoek entfernt auch eine hohe Wahrscheinlichkeit die Big Five zu sehen. Zeitlich hätte das super gepasst. Leider gibt es keine Plätze mehr für uns. An sich auch gar nicht dramatisch. So beschließen wir unsere Rundreise ohne ein Foto von Elefant, Löwe, Nashorn, Leopard und Büffel abzuschließen. Für uns steht fest: Wir kommen ja wieder mit besserem Equipment. Bei der Recherche stößt Farina auf die Etusis Lodge, die auf halber Strecke liegt. Wir setzen unseren Glamping Urlaub fort. Sie bucht ein Zelt für uns.

          Wir düsen los. In Swakopmund hält uns nichts mehr. Wir sind einfach nicht auf Stadt eingestellt. Die Spuren deutscher Kultur übersehen wir wieder mal. Wir decken uns im Pick’N’Pay mit Mittagessen ein und setzen die Fahrt fort. Der Mond ist unser Ziel. Bei Instagram habe ich die Mondlandschaft ganz in der Nähe entdeckt. Natürlich wollen wir da hin. Den geforderten Permit haben wir uns nicht besorgt. Im Ernstfall sind wir unwissende Reisende. Einen Versuch ist es wert.

          Und tatsächlich. Wir landen auf dem Mond. An einer Stelle erhaschen wir einen wunderschönen Überblick auf die einzigartige Landschaft. Tiefe Krater, dunkles Gestein und das kilometerweit. Das Ende ist nicht ersichtlich. Wir lassen das Auto stehen und marschieren hinab. Die Kamera klickt unaufhaltsam. Mit kindlicher Freude hüpfen wir von Stein zu Stein. Mancher Felsen klingt ganz dumpf als wir darüber hinweg laufen. Ist es vielleicht doch nur eine Filmkulisse? Nach mehr als einer halben Stunde Fotopause setzen wir unsere Reise fort. Wir gehen das Risiko ein und fahren weiter auf dem Mondgelände herum. Ohne vorherige Recherche hätte ich die Fahrt wahrscheinlich auch eher genießen können. Die Befürchtung erwischt zu werden konterkariert meine Liebe zur Natur. Am Ende des Weges bin ich nur froh ohne Probleme und ohne Umwege durchgekommen zu sein. Die Reifen unseres Toyota berühren wieder eine gut geteerte Straße. Von Kontrollen ist weit und breit nichts zu sehen.

          An einer Tankstelle holen wir uns Diesel-Nachschub. Wie immer werden wir betankt, als Trinkgeld verteile ich zusätzlich ein paar Cashewkerne. Unser Tankwart ist so dankbar dafür und teilt sein Geschenk mit der Frau von der anderen Zapfsäule. Sie freuen sich diebisch. Ein wunderbares Bild, dass ich mit ein weiteren Handvoll Kerne belohne. Eine gute Tat, spontan und von Herzen. Ich bin selbst von mir überrascht, als ich Farina davon erzähle. Ein schönes Gefühl!

          Nur noch eine halbe Stunde Fahrt liegt vor uns. In Karibib, einem weiteren verschlafenen Örtchen an der Bundesstraße, wechseln wir auf die C32. Ab in die Wildnis. Die Fahrt über die holprige Strecke verschlingt mehr Zeit als angenommen. Wir schaukeln ein weiteres Mal unserem Ziel entgegen. Im Gebüsch entdecken wir einige Affen nach dem wir das vorgelagerte Eingangstor zur Etusis Lodge passieren. Vor uns türmen sich hohe Berge auf. Nach weiteren neun Kilometern erreichen wir eine urige Farm im Nirgendwo. Die Pferde sind die Ersten, die uns entdecken. Ziege und Kühe schwitzen ebenfalls in der Sonne hinter dem baufälligen Zaun.

          Wir parken unseren Wagen und werden sogleich begrüßt. Auf deutsch! Tatsächlich? In bin echt etwas irritiert. So verdeutscht wie angekündigt, haben wir Namibia bislang nicht wahrgenommen. Wahrscheinlich haben wir auch die Nadel im Heuhaufen gesucht. Die ältere Dame vor uns stellt sich als Gisi vor, wir sind so gleich beim Du. Es ist schon 16 Uhr und kein weiteres Auto steht unter der schattenspendenden Überdachung. Unsere Gastgeberin verrät uns, dass wir die einzigen Gäste für heute sind. Selbst die Chefin hat sich frei genommen. Wir laden unsere vielen Taschen auf einen bereitstehenden Bollerwagen und marschieren zum Zelt. Ein schönes Fleckchen Erde. Ich danke Farina für ihre Wahl, als wir über das Gelände zum Pool gehen. Wir erfreuen uns an der Stille, dem Blick auf die Berge und der hübschen durchaus vertrockneten Vegetation.

          Knapp eineinhalb Stunde vor dem Abendessen brechen wir noch zu einer kurzen Wanderung auf. Obwohl die Zeit recht optimistisch bemessen ist, um rechtzeitig wieder da zu sein, laufen wir los. Mein Dickkopf hat sich durchgesetzt. Ich will unbedingt noch heute zu diesem Wasserfall, den Farina mir auf den Bildern gezeigt hat. Gastgeberin Gisela ist nicht ganz so begeistert, da sie befürchtet, wir verspäten uns. Begleitet von den zwei treuen Hunden wandern wir an der Farm vorbei. Schilder weisen uns die Richtung. Wir wählen die schnelle Strecke. Meinen Berechnungen zur Folge werden wir pünktlich halb 8 wieder in der Lodge sein. Auf dem Weg durchs Tal durchqueren wir ein ausgetrocknetes Flussbett. Etliche Spuren von unterschiedlichen Tieren sind überall zu sehen. Pferdeäpfel ebenso. Wir sind hier richtig. Trotz völliger Ahnungslosigkeit und ohne Karte nehmen wir die korrekte Abzweigung. Durch die Abkürzung über den befahrbaren Weg sind wir uns zunächst nicht ganz sicher, ob wir noch auf dem richtigen Pfad sind. Auf den letzten Metern hin zum Wasserfall laufen wir auf eine steile Felswand zu. Farina bleibt plötzlich stehen und zeigt mit dem Finger nach oben. Wir beobachten an der Wand Affen, die sich empor hangeln bis sie die Spitze erreichen. Als wir uns nähern, schreien sie los. Einer nach dem Anderen scheint uns Schimpfwörter an den Kopf zu schmeißen. Ein ohrenbetäubender Lärm, der durchs Tal hallt. Wir stehen unter strenger Beobachtung.

          Auf dem Hinflug haben wir beide die Neuverfilmung des Disney-Klassikers ‚Das Dschungelbuch‘ geschaut und befinden uns nun mittendrin. Ein Glück sind die Hunde bei uns. Auf der anderen Seite des Wasserfalls stehen ebenfalls Affen, die unser Eindringen in das Flussbett vermelden. Sie gaffen uns an, verfolgen jeden Schritt von uns. Wir wollen doch nur mal gucken.

          Mit einem mulmigen Gefühl in der Bauchgegend und dem Forscherdrang im Herzen hüpfen wir auf den Steinen immer weiter zum Wasserfall. Leider führt dieser kein Wasser in diesen trockenen Zeiten. Wir sehen nur eine riesengroße Pfütze, an der sich die beide Hunde erfrischen. Der Hinweg über Stock und Stein hat sie angestrengt. Knapp 45 Minuten sind wir nun gelaufen. Wir liegen gut in der Zeit. Unserer pünktlichen Rückkehr steht nichts im Wege. Wir entziehen uns der affigen Observation.

          Mit schnellen Schritten nähern wir uns der Farm. Abseits des Weges bestaunen wir wunderschöne Felsformationen, die Hunde kennen den Weg nach Hause und nehmen reiß aus. Um 19.25 Uhr stehen wir auf der Terrasse und nehmen am gedeckten Tisch Platz. Von hier aus haben wir einen hervorragenden Blick auf das Wasserloch. Gemeinsam mit Gisi und dem deutschem Pferdemädchen Vali sitzen wir zusammen und bekommen ein wunderbares Dinner bei Kerzenschein serviert. Absoluter Höhepunkt des Abends sind die Zebra Herden, die nacheinander am Wasserloch vorbeischauen. Wir greifen zum Fernglas, um das Spektakel zu beobachten. Gegen 22 Uhr verabschieden wir uns, für morgen früh sind wir zum Ausreiten mit den Pferden verabredet. Sieben Uhr geht’s los.

          Auf dem Rücken von Midas und Rosko

          Wie gestern Abend beschlossen, stehen wir Punkt 7 Uhr im Stall und sind bereit für den Ausritt. Es wird mein erstes Mal auf einem Pferd seit der geführten Runde auf dem Bauernhof beim Kindergartenabschlussfest. Farina hat sich schon lange gewünscht, mal mit mir auszureiten. Jetzt wo sich die Gelegenheit bietet, ergreifen wir sie einfach. Vali erwartet uns bereits mit der Ausrüstung. Wir stülpen uns die Chaps über die Beine und fühlen uns für einige Sekunden wie Cowboys. Leider müssen wir im nächsten Moment aus Sicherheitsgründen unsere Hüte gegen Helme eintauschen. Pferdeaufseherin Gisi stößt dazu und stellt uns ihre Pferde vor.

          Zuerst besteige ich den gutmütigen Rosko. Der Name klingt eher wie der eines Bösewichts. Mit Schwung hebe ich mein Bein und sitze oben drauf. Geschafft! Gemeinsam gehen wir ein paar Schritte vorwärts, damit Farina auch vom Mauervorsprung auf ihr Pferd Midas hüpfen kann. Bei ihr sieht das natürlich gleich viel professioneller aus. Sie strahlt, als sie auf dem beigefarbenen Vierbeiner fest im Sattel sitzt. Rücken gerade, die Füße fest in den Steigbügeln und die Beine locker ans Pferd gelegt, reiten wir durchs Gelände. Die professionellen Anweisungen von Gisi unterstützen meine Verbindung zu Rosko. Ich bin ganz erstaunt, wie sehr Pferde doch den Menschen, der auf ihnen sitzt, spiegeln. Ich fühle mich zunächst total unsicher, wenn ich versuche den Hilfestellungen zu folgen. Ich will es exakt umsetzen und verkrampfe dabei. Mein Selbstbewusstsein wandelt nah am Abgrund. Gedanken und Gefühle sind schon zwei richtige Biester.

          Farina hingegen nimmt zwischenzeitlich sogar Anlauf zum Galopp. Gemeinsam mit Gisi zieht sie eine Staubwolke hinter sich her. Sie jagen davon, rein in den Busch. Es schaut hervorragend aus. Vali und ich bleiben derweil zurück und halten unsere Pferde im Zaum. Mein Rosko verspürt große Lust hinterherzujagen. Immerhin funktioniert das stehen bleiben ganz gut. Im Laufe der Zeit werde ich auch immer lockerer. Das Pferd und ich spielen uns den Ball zu. Wir traben gemeinsam der Gruppe hinterher. Obwohl es so stark und muskulös ist, behandle ich es mit Samthandschuhen. Bei der nächsten Reiterfahrung bin ich dann immerhin schlauer.

          Nach einer Stunde beenden wir den Ritt durchs Gelände. Farina ist einfach nur glücklich. Sie grinst wie ein Honigkuchenpferd. Ich bin etwas niedergeschlagen ob der Tatsache, dass ich kaum Kontrolle über Rosko hatte. Ein Abbild einer Lebensphase in der ich häufig nicht die Zügel in der Hand halte, sondern mit mich von außen beeinflussen lasse. Doch anstatt Trübsal zu blasen, bin ich dankbar für die Lektion. Und hungrig sind wir auch. Das Frühstück auf der Terrasse wartet schon auf uns. Die Sonne kitzelt auf der Haut. Die Vögel zwitschern ihre Lieder. Ein gelungener Abschluss des kurzen Luxus-Farmlebens. Wir plaudern noch ein wenig mit den zwei und verabschieden uns. Unsere heutige Etappe ist nur zweinhalb Stunden lang. Windhoek ist das Ziel. Schon morgen fliegen wir zurück nach Kapstadt.

          Unsere Unterkunft haben wir schon seit Tagen sicher. Für den letzten Schlafplatz stand Ort und Termin ja schon vor der Beginn der Reise fest. Die leicht von der Hand gehende Entscheidung fiel auf einen weiteren Camping- und Glampingplatz. Für nur knapp 30 Euro checken wir im Urban Camp im Nordosten der Hauptstadt ein. Wir laden alle Gepäckstücke ein vorletztes Mal aus und beziehen das große grüne Zelt mit Dach. Glamouröses Camping eben – und mit Hängematte vor dem Eingang. Im Innern steht ein großes Bett, zum ersten mal mit Ungeziefer-Schutz. Wir freuen uns schon jetzt auf die Nacht, auch wenn sie nur kurz sein wird. Um 5.30 Uhr wollen wir los. Der Flieger hebt voraussichtlich um 8.30 Uhr vom Flughafen ab. Bis dahin sind es knapp 40 Kilometer.

          Nach kurzer Ruhepause setzen wir uns an den Pool. Wir folgen den Schildern mit der Aufschrift Wasserloch und spielen unter einem Schirm sitzend eine Partie Wizzard. Auf magischer Weise endet das Spiel unentschieden. So ärgert sich wenigstens keiner von uns. Also ich ärgere mich nicht. Hurra! Viel mehr Zeit bleibt auch an diesem Nachmittag nicht. Wir treffen uns, wie in der Wüste verabredet, mit Lisa. Dieses Mal ohne ihre Tante, die noch ein paar Tage alleine durchs Land reist. Schon bei der Buchung wurde Joes Beerhouse angepriesen, die Entfernung dahin beträgt nur 900 Meter. Wir wählen das Auto als Fortbewegungsmittel. Nicht weil wir faul sind, sondern weil wir Lisa später nach Hause fahren werden. So hat es Farina versprochen. Wir erreichen zur gleichen Zeit wie unsere Verabredung den Parkplatz. Schon von außen sieht das Restaurant total urig aus. Viel Holz und altes Metall sind an der Fassade verbaut. Es ist ein flacher unscheinbarer Bau. Wir wissen nicht, was uns drinnen erwartet.

          Schon im Eingangsbereich wird uns bewusst mit wieviel Liebe zum Detail der Ort eingerichtet. Es liegt Magie in der Luft. Das rustikale Ambiente erinnert uns an den Trödelverleih in Kapstadt. Überall sind unterschiedliche Materialen verwendet worden, Straßenschilder hängen an den Wänden. Herrlich hier. Urige Kneipe trifft auf Abenteuerrestaurant. Jetzt verstehen wir auch, warum jeder einen Besuch in Joes Beerhouse empfiehlt. Ein Kellner bringt uns zu unseren Plätzen. Am letzten Abend der Reise gönne ich mir wieder ein goldenes Savanna. Von dem Cider hatte ich in letzter Zeit viel zu viel nach dem wir aus dem Unfallwagen das Sixpack geschenkt bekommen haben. Geschafft habe ich es in vier Tagen nicht.

          Mit etwas Verwunderung nehme ich mein Essen in Empfang. Liegen da tatsächlich Schnecken auf meinem Teller. Wirklich? Ich wollte doch nur Knoblauchbrot als kleinen Appetitanreger. Mein Gehirn hat mit dem Wort ‚Snail‘ einfach nichts anfangen können. Die zwei Mädchen am Tisch schauen mich ebenso verwundert an. Vor mir auf dem Teller liegen acht in Knoblauch badende Schnecken. Ohne Gehäuse natürlich! Das Brot ist aufgeschnitten daneben drapiert. Uff! Da muss ich jetzt wohl durch. Zunächst löffle ich die Kürbissuppe und informiere mich dabei noch bei Google, was mich gleich erwartet. Ich stochere auf dem Teller herum, versuche dabei so viel Knoblauch und Käse wie möglich gemeinsam mit dem Fleisch auf meine Gabel zu bekommen. Ich nehme allen Mut zusammen, beiße beherzt zu und schlucke die Schnecke herunter. Puuh. Geschafft. Mutprobe bestanden.

          Den Geschmack kann ich schwer beschreiben. Die Konsistenz ist ganz angenehm. Gar nicht glibberig weich wie erwartet. Bleiben noch sieben Stück. Farina und Lisa wollen mir leider nicht helfen. Sie probieren nicht einen Bissen. Ich gebe nach zwei weiteren auf. Die Suppe und die Süßkartoffelpommes sowie das ganze Brot waren einfach zu viel für ein Abendessen. Nach einem Dessert für die Damen rollen wir sprichwörtlich vom Hof, raus in die Nacht von Windhoek. Ein Ort so leer und langweilig, dass wir es vorziehen, geschwind nach Süden zu fahren, um Lisa abzusetzen und danach noch zu tanken. Morgen geben wir das Auto am Flughafen ab. Der Tankwart befüllt uns wie immer full-full, obwohl die Tanknadel schon längst am Anschlag ist. Er meint es nur gut. Zurück im Camp putzen wir im Dunkeln die Zähne und legen uns schlafen.

          Auf Wiedersehen Namibia

          Ufff. Fällt das gerade schwer aufzustehen. Es ist tatsächlich schon halb 6. Erst nach Mitternacht schlief ich ein. Die Nacht ist definitiv zu kurz geraten. In drei Stunden sitzen wir schon im Flugzeug zurück nach Kapstadt. Hier endet also unser Urlaub. Wir schnappen unsere vielen Gepäckstücke, verriegeln das Zelt mit dem Vorhängeschloss und schleichen auf leisen Sohlen durch das Camp. Der Parkplatz ist schon so gut wie leer. Sind wohl alles Frühaufsteher hier. 

          Wir liegen gut in der Zeit. Auf Frühstück haben wir verzichtet und hoffen im Flieger eine Kleinigkeit zu bekommen. Um kurz vor 7 Uhr erreichen wir das Flughafengelände. Unsere erste Anlaufstelle ist Hertz. Die gelben Zelte strahlen uns schon aus der Ferne an. Wir irren über den Parkplatz auf der Suche nach unserem Ansprechpartner, der mit uns die Rückgabe vollzieht. Nach wenigen Minuten taucht endlich jemand auf. Bewaffnet mit Zettel und Stift läuft er um den Wagen herum. Er beanstandet drei fehlende Muttern an der Felge des linken Hinterreifens. Gutes Auge der Mann. Wir sind völlig perplex und stellen uns ahnungslos. Tatsächlich haben wir keine Erklärung dafür. Die Reifen haben wir nicht gewechselt, beteuern wir. Wir sind unschuldig. Und außerdem ist dafür die Versicherung da. Trotzdem nervig. 

          Beim Blick auf die Tankanzeige hat er ebenfalls etwas zu monieren. Die Fahrt vom Camp bis zum Flughafen hat mehr Benzin gekostet als gedacht. Der freundliche Hertz-Mitarbeiter erklärt mir kurz, was ich zu erledigen habe. Ich komme nicht drumherum, den letzten Schluck Benzin nachzutanken. 
          An der nur zwei Kilometer entfernten Tankstelle kommt mir auch schon sogleich ein Typ in rotem Shirt entgegen. Ich öffne das Fenster und wünsche mir, dass er wieder voll tankt. Benzin ist leider aus, ist seine Antwort auf meinen Wunsch. Na wunderbar, denke ich laut. Und nun? Es hilft mir gerade nicht weiter, dass ein Techniker schon unterwegs ist. In knapp einer Stunde geht mein Flieger. 

          Mit dieser bitteren Nachricht kehre ich zurück zum Parkplatz. Mir ist das wirklich zu viel nach der kurzen Nacht. Ich will einfach durch den Check-In und in Ruhe auf den Einstieg in die Maschine warten. Und siehe da, der Hertz-Mitarbeiter segnet meine Geschichte ab und scheint damit zufrieden zu sein. Geht doch! Im Gebäude huschen wir noch fix beim gelben Schalter vorbei und geben den Schlüssel ab. Kürzel hier und da und vielen Dank! Schön, dass alles so gut geklappt hat. 

          Im Flugzeug haben wir jeder von uns einen Platz am Fenster. Die Frau beim Check-In hakte nach, ob wir uns bei der Wahl der Plätze sicher sind. Ich hatte bei der Buchung absichtlich diese Konstellation gewählt. Beim Landeanflug auf Kapstadt können wir so nämlich beide die Stadt unter uns betrachten. Wir erwischen einen herrlichen Morgen. Klare Sicht über das gesamte Stadtgebiet. Hallo Tafelberg! Wir haben dich vermisst. 

          Bei der Kontrolle unserer Pässe weisen uns die Beamten unabhängig voneinander auf die Tatsache hin, dass wir nur einen Tag vor Ablauf des Visums das Land verlassen. Ja, selbstverständlich wissen wir dass. So haben wir das schließlich auch gebucht. Die zehn Tage Namibia haben also das Visum nicht verlängert. Schade eigentlich. Und nun, auf in die Bath Street.